SOS-Europa

S.O.S. Europa: Mit dem Flashmob am Strand machten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Camps auf Lampedusa gemeinsam mit den Einheimischen auf die Kampagne „When you don’t exist“ aufmerksam. © Dario Sarmandi

 

Tausende Bootsflüchtlinge aus Afrika sind in den vergangenen Jahren auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa angekommen. Die Situation in den überfüllten Auffanglagern war oft katastrophal. Vom 14. bis 21. Juli fand auf der Insel zum zweiten Mal ein Human Rights Camp statt. Junge Menschen aus aller Welt kamen dort zusammen, um sich für einen besseren Schutz für Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen einzusetzen.

Ein Blick auf den ehemaligen Sportplatz am Hafen in Lampedusa genügt, um zu erahnen, was sich in den vergangenen Jahren auf der Insel abgespielt hat: Dutzende Wracks von Booten und kleinen Schiffen liegen hier dicht nebeneinander und verrotten vor sich hin. Es sind die Boote, mit denen Flüchtlinge über das Mittelmeer gekommen sind auf der Suche nach Schutz in Europa.

Und ein Blick auf die Wracks lässt auch erahnen, welche Risiken sie dafür in Kauf nehmen müssen. Denn schon bevor die Boote an Land gezogen wurden, waren die wenigsten in einem guten Zustand. Trotzdem drängten sich die Flüchtlinge zu Dutzenden auf ihnen, um das Mittelmeer zu überqueren, teilweise hundert oder mehr in einem Boot. Allein im vergangenen Jahr reisten über 52.000 Menschen aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa, aus Angst vor Haft und Misshandlung oder weil ihnen in ihrer Heimat kein würdevolles Leben möglich ist. Ein Teil von ihnen kam in Lampedusa an.

Gefährliche Überfahrt: Wracks auf dem ehemaligen Sportplatz neben dem Hafen. © Amnesty International / Hauke Lorenz

Auf einem der Wracks auf dem Sportplatz habe ich einen aufgemalten Fisch gesehen, auf dem in arabischer Schrift ein Koranvers geschrieben steht. Er handelt von Yunus, dem Propheten, der bei Sturm in Seenot gerät, von einem großen Fisch verschlungen und von diesem sicher an Land gebracht wird. Immer wieder fordert die gefährliche Flucht über das Meer Menschenleben. Im vergangenen Jahr starben etwa 1.500 Menschen bei dem Versuch, europäische Küsten zu erreichen. in den ersten fünf Monaten dieses Jahres sind laut der Organisation „Boats 4 People“  mehr als 100 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer gestorben.

Und auch diejenigen, die es 2011 nach Lampedusa schafften, waren noch nicht in Sicherheit. Die italienische Regierung weigerte sich, die gestrandeten Menschen auf das Festland zu bringen. Stattdessen wurden die Flüchtlinge ohne rechtliche Grundlage inhaftiert oder abgeschoben, noch bevor sie Asyl beantragen können. In sogenannten „Pushback-Operationen“ arbeitet Europa immer stärker mit nordafrikanischen Staaten zusammen, um sicherzustellen, dass Flüchtlinge europäisches Festland gar nicht erst erreichen können. Bei diesen Operationen werden Migrantinnen und Migranten auf hoher See aufgegriffen und anschließend den nordafrikanischen Behörden übergeben, wo ihnen Haft und Folter drohen.

Um Kritik an der unmenschlichen italienischen und europäischen Politik zu üben, reiste ich Mitte Juli gemeinsam mit 74 Amnesty-Aktivistinnen und Aktivisten aus 20 Nationen für eine Woche nach Lampedusa zum „Human Rights Camp“. Haupt- und Ehrenamtliche aus Europa, der Türkei, Israel, Tunesien, China, Marokko und Australien arbeiteten dort gemeinsam vor allem daran, wie man gegen die „Pushback-Operationen“ vorgehen kann.

„Diese Operationen im Mittelmeer sind illegal, unmenschlich und falsch“, sagte uns die Inselbewohnerin Paula La Rosa bei einem Interview in der Kirche von Lampedusa. Das Bild von der angeblichen „Invasion Europas“ durch Flüchtlinge, wie es die Medien zeichnen würden, sei einfach nicht korrekt. Stevano Nastasi, der Priester der Kirche auf Lampedusa, fügte hinzu: „Sobald eine Mutter in die Augen eines Migranten schaut, fühle es sich für sie so an, als schaute sie in die Augen  ihres eigenen Kindes“.

Haben viel voneinander gelernt: Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Human Rights Camps“ auf Lampedusa. © Hauke Lorenz

„Ich wäre lieber gestorben, als im Mittelmeer aufgegriffen und nach Nordafrika zurückgebracht worden zu sein“. So furchtbar haben Migrantinnen und Migranten in dem Dokumentarfilm „Closed Sea“ die Pushback-Operationen wahrgenommen. Erst seit den Kämpfen in Libyen ist diese Praxis, die durch die europäische Grenzschutzagentur Frontex koordiniert wird, ausgesetzt. Entsprechende Abkommen zwischen Italien und  Libyen bestehen aber weiterhin.

Als 2009 und 2011 zehntausende Menschen nach Lampedusa geflohen waren, fühlten sich die Bewohnerinnen und Bewohner von der Regierung im Stich gelassen – aber sie ließen die Flüchtlinge nicht im Stich. Zeitweise waren mehr Flüchtlinge auf der Insel  als diese Einwohnerinnen und Einwohner hat. Wenn sich die Menschen auf Lampedusa heute daran erinnern, sprechen sie vor allem vom Zusammenhalt untereinander und der Solidarität mit den Migrantinnen und Migranten. Einige von ihnen waren bei den Menschen zu Hause untergekommen, haben mit den Familien am Tisch gegessen und wurden wie Familienmitglieder behandelt.

Auf der Flucht vor Krieg, Armut oder Durst suchen Menschen ein neues Leben. Für ihre zurückgelassenen Familien sind die Migrantinnen und Migranten häufig die einzige Hoffnung. Der Schrecken der Reise, alles, was sie aufgegeben und zurückgelassen haben, zeigt nicht nur den Insulanerinnen und Insulanern, dass den Flüchtlingen keine andere Wahl blieb, als den Weg über das Meer zu wagen. Warum würden sie sonst so viel riskieren?

Mit dem Camp wollten wir auch auf zigtausende Schicksale von Migrantinnen und Migranten erinnern, die auf der Flucht auf Lampedusa stranden. Bei einem Treffen von Amnesty und Boats4People haben wir beschlossen, zukünftig enger zusammen zu arbeiten und Kräfte zu bündeln. Wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Human Right Camps“ haben viel miteinander diskutiert und voneinander gelernt. Der Höhepunkt des Workshops war eine Aktion am letzten Tag des Camps: gemeinsam mit Einheimischen formten wir ein riesiges SOS-Zeichen am Strand, um auf die Schicksale vieler Migrantinnen und Migranten aufmerksam zu machen.

Amnesty International setzt sich u.a. mit der Kampagne „When you don’t exist“ für besseren Schutz für Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen ein. Die Kampagne trägt ihren Namen aufgrund des Status, den die Schlepper den Migranteninnen und Migranten beim Einsteigen in die Boote zuweisen. Sie erklären ihnen, dass sie ab dem Moment der Abfahrt nicht länger existieren. Doch die Flüchtlinge existieren sehr wohl. Es gibt keine exakten Zahlen darüber, wie viele die Reise wirklich wagen. Doch ohnehin können Statistiken nicht ausdrücken, dass jede Zahl für ein Individuum und menschliches Schicksal steht.

Unterstützen auch Sie die Kampagne und schicken Sie ein #SOSeurope durch Europa und die Welt, um auf die Situation an den Außengrenzen der „Festung Europa“ und in den Transitländern der Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Verbreiten sie unsere Kampagne über Twitter und Facebook und nehmen Sie an der Online-Petition von Amnesty International teil.

Fordern Sie von der italienischen Innenministerin Anna Maria Cancellieri einen besseren Schutz für Flüchtlinge: www.amnesty.de/sos-europa

Weitere Hintergrundinformationen sowie Zahlen und Fakten finden Sie in dem englischsprachigen Amnesty-Bericht „S.O.S. Europe“ und auf der Kampagnen-Seite „When you don’t exist“.

Veröffentlicht auf: http://blog.amnesty.de/aktuelles/2012/08/01/sos-europa.html

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.