„Ich wäre lieber gestorben“…

…als im Mittelmeer aufgegriffen und nach Nordafrika zurückgebracht worden zu sein. So furchtbar haben Migranten_innen in dem Dokumentarfilm Closed Sea die sogenannten Pushback-Operationen wahrgenommen. Erst seit den Konflikten in Libyen ist diese Praxis durch die europäische Grenzschutzagentur Frontex koordinierte Operationen ausgesetzt. Entsprechende Abkommen zwischen Italien und  Libyen bestehen aber weiterhin.
Doch nicht alle Migranten_innen werden sofort zurückgeschoben. Während der letzten Jahre sind zehntausende auf See gerettet worden und auf der italienischen Insel Lampedusa gestrandet. Bewohner_innen der Insel sprechen von einer Krise, die in den Jahren 2009 und 2011 ihre Höhepunkte hatte. Den Inselbewohnern_innen zufolge waren auf Lampedusa im vergangenen Jahr viel mehr als die offiziellen 50.000 Migranten_innen.

Eines von viele Schiffswracks blockiert einen Teil des Sportplatzes am Hafen von Lampedusa. Foto: © Federica Mannoni

Sogenannte „Pushback-Operationen im Mittelmeer sind illegal, unmenschlich und falsch“…
…sagt uns die Inselbewohnerin Paula La Rosa bei einem Interview in der Kirche von Lampedusa. Das Bild, dass uns die Medien von der Invasion Europas durch Migranten_innen geben sei ein ganz anderes. Sobald eine Mutter in die Augen eines Migranten schaut, fühle sie, als wäre es ihr eigenes Kind, kommentiert Stevano Nastasi, der Priester der Kirche auf Lampedusa.
Auf der Flucht vor Krieg, Armut oder Durst suchen Menschen ein neues Leben. Für ihre zurückgelassenen Familien sind die Migranten_Innen die einzige Hoffnung. Der Schrecken der Reise, alles was sie aufgegeben und zurückgelassen haben zeigt den Insulaner_innen, dass ihnen keine andere Option blieb, als den Weg über das Meer zu wagen.

Damals waren zeitweise mehr gestrandete auf der Insel, als diese Einwohner_innen hat. Wenn die Insulaner_innen sich erinnern, sprechen sie vor allem von Zusammenhalt untereinander und der Solidarität mit den Migranten_innen. Letztere sind bei vielen Menschen zu Hause untergekommen und haben mit den Familien am Tisch gegessen und wurden wie Familienmitglieder behandelt.

Im Moment befinden sich keine Migranten_innen mehr auf der Insel. Der ehemalige Sportplatz am Hafen erinnert noch an diese Zeit. Dort liegen Wracks der Boote und der kleinen Schiffe, mit denen die Migranten_innen gekommen sind. Auf dem einen Fischerboot ist ein Fisch zu sehen, auf den in arabischer Schrift ein Vers des Koran geschrieben steht. Dabei geht es um Yunus den Propheten, der bei Sturm in Seenot gerät, von einem großen Fisch verschlungen und von diesem sicher an Land gebracht wird.

Die Wracks werden durch das Militär nach und nach abtransportiert und zerstört. Priester Nastasi fragt sich, warum ein Recycling durch z.B. die Fischer_innen der Insel untersagt sei.

75 Aktivisten_innen aus 20 Nationen sind auf Lampedusa zusammengekommen,
um Kritik an der unmenschlichen italienischen und europäischen Politik zu üben. Haupt- und Ehrenamtliche aus Europa, der Türkei, Israel, Tunesien, China, Marokko und Australien arbeiten gemeinsam daran, wie man gegen die Pushback-Operationen, also der Zusammenarbeit zwischen nordafrikanischen und europäischen Ländern vorgehen kann, bei der Migranten_innen auf hoher See aufgegriffen und anschließend den nordafrikanischen Behörden übergeben werden. Diese Praxis ist oft mit Illegalisierung und Folter verbunden. Außerdem wollen die Aktivist_innen auf zigtausende Schicksale von Migranten_innen aufmerksam zu machen, die während der Transitphase ihrer Migration noch immer hier stranden. Laut der Organisation Boat4People sind in den ersten fünf Monaten des Jahres 2012 mehr als 100 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer gestorben. Bei einem Treffen beider Organisationen wird beschlossen, zusammen zu arbeiten und Kräfte zu bündeln.

Teilnehmer_innen des International Human Right Camp auf Lampedusa diskutieren über mögliche Aktionen. Foto: © Hauke Lorenz

Die Kampagne When you don´t exist trägt ihren Namen aufgrund des Status, den die Schlepper den Migranten_innen beim Einsteigen in die Boote zuweisen. Sie erklären ihnen, dass sie ab dem Moment der Abfahrt nicht länger existieren. Doch die Migranten_innen existieren sehr wohl. Mit Zahlen kann man nicht erfassen, wie viele die Reise wirklich wagen. Vor allem können Zahlen nicht ausdrücken, dass es sich um Individuen handelt.

Unterstützen Sie die Kampagne und schicken sie ein #SOSeurope durch Europa und die Welt, um auf die Situation an den Außengrenzen der „Festung Europa“, sowie in den Transitländern von Migration aufmerksam zu machen. Setzen Sie die italienische Innenministerin Anna Maria Cancellieri mit einer online Petition (auch auf Englisch) unter Druck. Bitte verbreiten Sie unsere Kampagne auch über Twitter und Facebook.

Lesen Sie auch den Report: SOSeurope, um weitere Hintergründe sowie Zahlen und Fakten zu erfahren.

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