Flughafentransit

Viele Reisende übernachten am Flughafen Mailand Malpensa. Foto: © Hauke Lorenz

Um 23:30 Uhr betrete ich den Abfertigungsbereich des Flughafens Mailand Malpensa. Auf den Wartebänken sind die einzelnen Sitze durch Armlehnen getrennt. Irgendwie schaffen es doch erstaunlich viele Leute darauf zu schlafen, Arme und Beine in Richtung Rückenlehne und den Rücken zum Wartebereich oder im Sitzen. Im Restaurantbereich sind die einzigen Liegen ohne Armlehnen bereits besetzt. Nach etwa einer halben Stunde schaffe ich es, mich für eine halbwegs ruhige Ecke zu entscheiden und schlafe relativ schnell ein.

– Transit- also auf der Durchreise sein ist nicht unbedingt ein angenehmer Zustand. Egal ob Hotel, Lounge, Couchsurfing oder – wie ich – auf dem Boden in einer Ecke der Schalterhalle. Die Unterbrechung der Reise ist anstrengend. Man ist nicht zu Hause und nicht am Ziel der Reise angekommen. Entspannung ist ein ferner Traum. Fern erinnere ich mich an den Film Terminal. Tom Hanks wusste nicht, wie lange er in diesem Zustand verharren würde. Ich bin aber nicht eingesperrt. Ich habe mein Gepäck abgeholt und kann das Gebäude theoretisch jederzeit verlassen, wenn mir danach ist.

4 Uhr. Das Café neben mir öffnet. So langsam kommt Leben in die Schalterhalle. Ich drehe mich um und vergewissere mich, dass mein Gepäck noch da ist. Mir ist weder kalt, noch fühle ich mich zwischen den anderen Transitreisenden unsicher. Bis zum Check-in für meinen Flug nach Lampedusa habe ich noch über zwei Stunden Zeit. Ich drehe mich nochmal um, um noch ein bisschen in meinem aufblasbaren Campingkissen zu versinken. Später im Flugzeug zwischen überwiegend italienischen Touristen denke ich daran, was mich wohl erwartet: eine Woche auf einem Campingplatz leben, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, die täglich mit einer Thematik konfrontiert sind, bei der sich Menschen ohne europäischen Personalausweis in einer ganz anderen Art von Transit befinden und alles andere als einen privilegierten Menschenrechtstourismus machen.

Transitmigration auf dem Mittelmeer
So ging vor wenigen Tagen durch die Medien, dass 55 Migranten_innen auf ihrem Weg von Libyen nach Italien verdursteten und ertranken. Ihrem Schlauchboot war kurz vor Italien das Benzin ausgegangen. Anschließend trieben sie über eine Woche auf hoher See. Der einzige Überlebende berichtete in den Zeitungen, dass er 14 oder 15 Tage auf See war, bis er von tunesischen Fischern gerettet wurde.
Doch wirklich gut wären seine Aussichten auf ein würdiges Leben auch in Italien nicht gewesen. So hat vor kurzem ein weiteres deutsches Gericht geurteilt, dass Migranten_innen nicht nach Italien abgeschoben werden dürfen – trotz Dublin-II-Abkommen, wonach das erste europäische Einreiseland für den Asylantrag zuständig ist. Die Begründung des Gerichts lautet „unmenschliche und erniedrigende Behandlung“ von Asylsuchenden in Italien.

International Human Rights Camp on Lampedusa
Mit diesem Thema werde ich mich nun zusammen mit ca 75 Aktivisten_innen aus Italien, Israel, Australien, Dänemark, Marokko, Mosambik, Norwegen, Polen, Slowenien und anderen Ländern über eine Woche austauschen. Aus Deutschland sind wir sechs Teilnehmer_innen. Ziel des Camps ist unter anderem über soziale Onlinenetzwerke zu mobilisieren und das Thema in die Welt zu tragen. Aber auch Treffen mit anderen Organisationen und Mobilisierung und Solidarisierung mit den Einwohner_innen Lampedusas stehen neben auf dem Programm.

Verfolgt die Kampagne und dem Camp auf Twitter und Facebook.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.