Fest der Hoffnung

Deutschlandjahr in Mexiko – Solidarität mit geflüchteten Menschen und Migrant_innen in Mexiko und Deutschland

„Wenn du die Leute zu einer Veranstaltung über Migration und Menschenrechte einlädst, dann kommt niemand. Das kannst du vergessen.“ sagte Ramón Márquez zu mir, nachdem wir meinen ersten Dokumentarfilm „Viacrucis Migrante – Kreuzweg der Migrant_innen“ als Side-Event einer Tagung des UN-Menschenrechtsrates in Genf vorgeführt hatten. Márquez ist der Direktor der Migrant_innenherberge La72 im Süden Mexikos. In „Viacrucis Migrante“ fliehen Männer, Frauen und Kinder, die vor existenziell bedrohlichen Verhältnissen in ihren Heimatländern Honduras, El Salvador und Guatemala in Richtung Norden stehen.

„Wenn du möchtest, dass viele Leute kommen, dann spiel die Deutschlandkarte“: „degustación gastronómica alemana“ (typisch deutsches Essen). So hieß dann ein Slogan, mit dem wir auf Plakaten, Flyern und mit einem Perifoneo werben würden. Ein Perifoneo ist ein Auto mit riesigen Lautsprechern, das die Kleinstadt Tenosique, 60km von der Grenze zu Guatemala entfernt, fünf Tage jeweils sechs Stunden lang beschallen und wirklich jeden einladen sollte:

„Das Duale Jahr Mexiko-Deutschland kommt nach Tenosique, in einem mobilen Kino werden zwei deutsche Filme gezeigt, einer davon wurde in Tenosique gedreht, Samira und Viacrucis Migrante. Danach: kostenlos typisch deutsches Essen, bring die ganze Familie mit.“

Während Mexiko im Rahmen eines Dualen Jahres Kulturveranstaltungen in Deutschland durchführt, wollte ich eine deutsche Kulturveranstaltung in Mexiko präsentieren. Zusammen mit der Deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko und mit Zusagen zur Kofinanzierung durch die Missionszentrale der Franziskaner, MISEREOR und die Heinrich-Böll-Stifung in Mexiko hatte ich einen Projektantrag beim Goethe-Institut in Mexiko eingereicht. Auch Solidarität mit Menschenrechten ist deutsche Kultur. Die HMS unterstützte die Veranstaltung mit dem Kurzfilm Samira. Darin wird ein Dolmetscher zu einem Polizeieinsatz am Hamburger Hafen gerufen. Eine junge Ivorerin hat sich auf einem Frachter verbarrikadiert und droht damit, sich umzubringen. Die Rolle des Dolmetschers geht plötzlich weit über das hinaus, was er sich vorgestellt hat. Durch Samira wurde möglich, einen Blick über den Tellerrand von Mexiko nach Deutschland zu werfen.

„Solidarität mit geflüchteten Menschen und Migrant_innen“ ist ein für beide Länder relevantes Thema, das vor zehn Jahren, als ich das erste Mal zum Studieren nach Mexiko reiste, ebenso relevant war wie heute. Während meines Auslandssemesters stieß ich auf einen Artikel über Migration an der Südgrenze Mexikos. Wanderarbeiter_innen aus Zentralamerika werden dort auf dieselbe Art und Weise ausgebeutet, wie die USA das mit Arbeitskräften aus Mexiko machen. Zugleich regionalisieren die USA ihre Migrationskontrollen nach Mexiko, so wie es die EU schon lange und jetzt immer stärker an ihren Außengrenzen und in den so genannten sicheren Drittstaaten tut. Die Reise durch Mexiko ist für Menschen aus Süd- und Zentralamerika immer mehr zu einem ca. 2.000 km andauernden Grenzübertritt geworden. Meine Forschungsfrage, aus der später auch meine erste Magisterarbeit werden sollte, war: Wie nehmen zentralamerikanische Migrant_innen die Gefahren ihrer Reise durch Mexiko wahr? Ihre Antworten gingen mir sehr nah und sollten mich zu einem jahrelangen Engagement bei Amnesty International bewegen. Immer wieder fragte ich nach:
„Aber wenn du weißt dass du auf der Reise sterben kannst, wahrscheinlich vergewaltigt wirst und so viele Menschen entführt werden, warum begibst du dich auf eine so gefährliche Reise?“
– „Ich möchte, dass meine Kinder zur Schule gehen und studieren“ antworteten viele.
„Aber wenn du vom Zug fällst und stirbst?“
– „Gott beschützt mich, wenn er möchte, dass ich ankomme, dann wird mir nichts passieren“.
Wenn der Staat keinen Zugang zum Menschenrecht auf Bildung ermöglicht, übernehmen viele Migrant_innen es selbst, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Im April 2014 entdeckte ich in sozialen Netzwerken die Meldungen der Migrant_innenherberge La72 in Tenosique, im Bundesstaat Tabasco. Sie posteten, dass sie in der Karwoche zu einem Kreuzweg aufgebrochen wären. Hunderte Migrant_innen setzten sich mit Aktivist_innen und Journalist_innen auf den berüchtigten Güterzug „La Bestia“, mit dessen Hilfe täglich viele Menschen versuchen, in Richtung Norden zu reisen. Eine lange Nacht später gab der Betreiber des Güterzuges bekannt, dass der Zug nicht fahren würde. Die Menschen setzten sich zu Fuß in Bewegung und kamen zehn Tage später mit mehr als 1.200 Personen in Mexiko-Stadt an. Nach Verhandlungen mit der Regierung bekamen alle eine schriftliche Aufforderung, das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. Mit diesem Papier konnten sie Mexiko sicher durchqueren. Ich suchte einen Film über diese für mich unglaubliche Geschichte und wurde nicht fündig. Die Idee für meinen ersten Film war geboren.

Eineinhalb Jahrespäter, nach einer Crowdfunding-Kampagne, Postproduktionsförderung, Schnitt und vielen Ereignissen mehr sollte ich meinen ersten Film am Drehort in Tenosique vorführen dürfen. Ziel: Die lokale Bevölkerung über ein Thema aufklären, für das es zu wenig Interesse gibt und über das nicht ausgewogen berichtet wird. Mein Anliegen: den Protagonist_innen eine Stimme geben und nicht für sie sprechen. Zusammen mit dem Kurzfilm „Samira“ gelang es, die Brücke nach Hamburg und Europa zu schlagen.

Am Morgen der Vorführung fährt das UNHCR vor der Migrant_innenherberge vor. Eine Familie mit Babys steigt aus. Die Migrationspolizei hat einem Antrag von Mitarbeiter_innen der Herberge stattgegeben. Die Familie muss bis zur Entscheidung ihres Asylantrages nicht in Haft. Eine Mitarbeiterin zeigt mir, was sich seit einem Jahr verändert hat. In der Anlage der Franziskaner sind neue Gebäude entstanden, darunter ein Schlafhaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, eines für die LGBT-Community und ein weiteres Stockwerk auf dem Schlafhaus der Frauen. Im August wurden hier fünf Kinder geboren. Ich muss schlucken; der eigene Erfolg wird klein und ich erinnere mich an Monate im Schnitt und an Telefonate mit meinen Protagonist_innen, in denen wir immer wieder geweint haben. Mit meinem deutschen Pass fühle ich mich selbst an einem Ort sicher, an dem andere auf der Flucht sind.
Ein letztes Mal versuche ich den Bürgermeister persönlich zu unserem Event einzuladen. Natürlich hat er keine Zeit. Auch die Deutsche Botschaft und Amnesty International schicken nun doch niemanden. Dafür sind mehr als 500 Menschen sind gekommen. Die Konsulate von Honduras, El Salvador und Guatemala sind vertreten. Der Anteil der lokalen Bevölkerung ist hoch und die Mitarbeiter der Migrant_innenherberge sind zufrieden. Kann man gratis-Würstchen nachhaltiger anlegen als in die Mobilisierung der Bevölkerung?

Die Rolle Deutschlands ist in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen. Als Ende 2015 geflüchtete Personen an Bahnhöfen in ganz Deutschland willkommen geheißen wurden, gingen diese Bilder auch durch die mexikanischen Medien. Im mexikanischen Parlament wurde über die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen debattiert. Kurz darauf fand ich ein Foto auf Facebook: Migrant_innen hatten sich mit einem Pappschild auf den Güterzug gesetzt: „Somos Sirios, no disparen“ (Wir sind Syrer, schießt nicht auf uns). Tatsächlich leben heute einige syrische Flüchtlinge in Mexiko, die Zahl der anerkannten Flüchtlinge ist nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen aber viel zu niedrig.
Von meinen Protagonist_innen bekam niemand Asyl in Mexiko. Dank der Hilfe verschiedener Organisationen und Spenden, gelang es in einem Fall, Asyl in den USA zu bekommen.

Mit dieser Veranstaltung ging zugleich das „Fest der Hoffnung“ zu Ende. Bei der von der La72 initiierten Veranstaltungsreihe wurde nicht nur an den namensgebenden sechsten Jahrestag eines Massakers an 72 Migrant_innen erinnert; auch Eltern der verschwundenen Studenten aus Ayotzinapa und Umweltaktivist_innen kamen, um sich zu solidarisieren. Die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko wurde von Johanna Wild vertreten. Sie appellierte an Verantwortliche in Mexiko und Deutschland, sich gegen Rassismus, für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Anerkennung von geflüchteten Menschen einzusetzen.

Bei einer anschließenden Tour durchs Land sollte ich beide Filme in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut sowie verschiedenen Menschenrechtsorganisationen und Universitäten an insgesamt 13 Orten in ganz Mexiko vorführen und konnte so über 1.600 Menschen erreichen.

Der Kommentar einer Person aus dem Publikum in Tijuana:
„Auch wenn wir direkt an der Grenze leben, sind wir uns nicht bewusst, was die Migrant_innen in unserem Land erleben.“
Dieser Kommentar ist es, der mir Energie gibt, um weiterzumachen. Ein Mensch mehr, der sich nach dem Kinobesuch vielleicht ein Herz fasst und sich für dieses Thema engagiert. Auch wenn das Budget nur am ersten Ort für Würstchen gereicht hatte, haben über 1.600 Menschen die Filme Samira und Viacrucis Migrante – Kreuzweg der Migrant_innen in ganz Mexiko gesehen.

Dank an:

La72 – Hogar Refugio para Personas Migrantes, Goethe Institut Mexiko, Heinrich Böll Stiftung Mexiko, TIDE – Hamburgs Communitysender und Ausbildungskanal, Hamburg Media School, Missionszentrale der Franziskaner, MISEREOR, Centro de Derechos Humanos Fray Matías de Córdova, Centro de Derechos Humanos Fray Bartolomé de las Casas, Parroquia Asís Cancún, Nadie es ilegal, la Facultad de Antropología de la UAEM en Toluca, Amnistía Internacional, Casa Cem y FM4 en Guadalajara, Casa Nicolás en Monterrey, Universidad Intercultural del Estado de México, Casa de la Cultura Durango, Casa de los Pobres Tijuana, Ibero Tijuana, COLEF, Cineteca Tijuana e Iglesia de la Virgen de Guadalupe San Diego.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.