„Am besten, man bleibt in Afrika“

Transitmigration in Mailand

Migranten_innen verkaufen Freundschaftsbänder vor dem Mailänder Dom.
Foto: © Hauke Lorenz

Auf dem Platz vor dem Mailänder Dom herrscht buntes Treiben. Scharen von Tauben versammeln sich um Menschen, die Brotkrümel verstreuen. Pantomime verharren starr in ihren Positionen, Touristen lassen sich für Geld mit Polaroidkameras ablichten und Straßenhändler_innen bieten dünne bunte Freundschafts-Armbänder an. Einer von ihnen heißt Sidy. Er erzählt, dass er zunächst in seinem Herkunftsland Senegal studiert hat. Hier in Italien hat er begonnen, sein Tourismusstudium fortzusetzen. Das Geld hat jedoch nicht gereicht und nun findet er keine Arbeit. Das mache es ihm und anderen Migranten_innen besonders schwer. Und das, obwohl er Glück hatte und mit einem Studentenvisum nach Italien einreisen konnte. Durch seine Aufenthaltspapiere habe er es bei Polizeikontrollen nicht so schwer wie andere.

Wir sind eigentlich auf der Suche nach Migranten_innen, die über Lampedusa nach Italien gekommen sind. Doch auch Sidy kennt niemanden. „Dieses Jahr wurde viel Fisch in Senegal gefangen (…)“ sagt Sidy mit strahlenden Augen, während wir uns darüber unterhalten, dass viele Fischer_innen unter den Menschen sind, die aus Senegal in die EU auswandern.

Eine positive Entwicklung ist, dass der Ende März 2012 neu gewählte Präsident Micky Sall sein Wahlversprechen gehalten und der Europäischen Union die Konzessionen für Fischfang in senegalesischen Gewässern entzogen hat. So kann einer der vielen Gründe, aus denen sich Menschen auf den Weg in Richtung Europa machen, nun ein wenig abmildern. Unterstützt wurden die senegalesischen Fischer_innen in ihren Forderungen unter anderem von Greenpeace.

Aktivisten_innen von Amnesty International schicken gemeinsam mit Aktivisten_innen von Boat4People, Legambiente und Inselbewohner_innen ein SOS an die Regierungen Europas
Foto: © Dario Saramandi

Wir waren zuvor eine Woche beim International Human Rights Camp auf Lampedusa, wo sich zurzeit keine Migranten_innen mehr aufhalten. Eigentlich wollten neben den Teilnehmern_innen auch drei Migranten_innen teilnehmen, die jetzt in Palermo leben. Einen Tag vor Beginn des Camps teilten sie uns die frohe Botschaft mit, endlich Arbeit gefunden zu haben. Dafür haben wir zahlreiche Inselbewohner_innen getroffen, die sich während der „Krise“ solidarisch mit tausenden ankommenden Bootsflüchtlingen gezeigt haben. Zugleich wurde die Insel von der italienischen Regierung im Stich gelassen. „Die Regierung wollte die Situation eskalieren lassen“ sagte uns Giuseppina Nicolini , die derzeitige Bürgermeisterin von Lampedusa. Bevor sie in ihr Amt gewählt wurde, war sie die Vorsitzende der örtlichen Umweltschutzorganisation Legambiente, die sich unter anderem um den Schutz von Meeresschildkröten kümmert.

Die Insulaner_innen machen hier auf Lampedusa vor, was anderswo noch nicht klappt. Sie alle und auch die Freiwilligen von Legambiente haben zahlreichen Migranten_innen geholfen, die auf der Insel strandeten. Nun solidarisieren Sie sich mit Organisationen wie Amnesty International und Boat4People, um gemeinsam gegen die Migrationspolitik der europäischen Union vorzugehen.

Auch andere Umweltschutzorganisationen könnten vom Festland aus gegen die sogenannten „Pushbacks“ aktiv werden, bei denen Bootsflüchtlinge auf offener See aufgegriffen und zurück nach Libyen gebracht werden, wo ihnen Haft und Folter drohen. Die Gründe von Migration sind vielfältig. Zu ihnen gehören auch die Auswirkungen des Klimawandels in Form von Naturkatastrophen und die leeren Fischernetze in Ländern, deren Gewässer von europäischen Fischtrawlern geplündert werden.

Während unseres Rückfluges erleben wir hier in Mailand, dass man nicht bis Lampedusa fahren muss, um sie zu treffen. Hier leben viele Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere. Ihre Routen ändern sich ohnehin. Außerdem machen auch keinen kurzen Stopover wie wir, sondern warten meist sehr lange darauf, endlich anzukommen. Das bedeutet für die meisten, eine Arbeit zu finden und Geld nach Hause senden zu können, um die Familie zu unterstützen. Wegen dem Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Familien gehen sie nicht nur lebensgefährliche Risiken ein, sondern zeichnen sich als extrem nobel aus. „Wir Senegalesen sind zu allen Menschen freundlich…“ sagt Sidy mit einem Lächeln. Für die Freundschaftsbänder, die ich ihm abkaufen wollte, möchte er nach unserem Gespräch kein Geld haben.

Unterstützen Sie die Kampagne und schicken sie ein #SOSeuropa durch Europa und die Welt, um auf die Situation an den Außengrenzen der „Festung Europa“, sowie in den Transitländern von Migration aufmerksam zu machen. Setzen Sie die italienische Innenministerin Anna Maria Cancellieri mit einer online Petition (auch auf Englisch) unter Druck. Bitte verbreiten Sie unsere Kampagne auch über Twitter und Facebook.

Lesen Sie auch den Report: SOSeurope, um weitere Hintergründe sowie Zahlen und Fakten zu erfahren.

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